Opfer eines Nazi-Angriffs: 25 Jahre Qualen – das Leid von Orazio Giamblanco und seiner Familie

29. November 2021

Der italienische Bauarbeiter Orazio Giamblanco wurde 1996 von einem Skinhead in Brandenburg beinahe erschlagen. In einer Langzeitreportage berichtet der Journalist Frank Jansen für den Tagesspiegel über die kleinen Fortschritte Giamblancos bei der Physiotherapie, die finanziellen Sorgen der Familie und die Auseinandersetzung mit der Tat, die vor 25 Jahren ihr Leben brutal veränderte. Seine letzte Reportage wurde am 26. November 2021 veröffentlicht: »Opfer eines Nazi-Angriffs: 25 Jahre Qualen – das Leid von Orazio Giamblanco und seiner Familie«

Wir sammeln Spenden für Orazio Giamblanco:

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Stichwort „Orazio“

Bis zu einer Spendensumme von 200 Euro pro Einzelspende genügt den Finanzbehörden ein “vereinfachter Spendennachweis”. Diese finden sie hier. Wer eine Quittung möchte, nennt bitte auf der Überweisung die Anschrift. Die Spendenbescheinigungen verschicken wir im Februar des Folgejahres.


Opfer eines Nazi-Angriffs: 25 Jahre Qualen – das Leid von Orazio Giamblanco und seiner Familie

Seit dem Angriff eines Skinheads 1996 ist Orazio Giamblanco schwer behindert. Er hat immer Schmerzen, seine Familie ist erschöpft. Aber sie gibt ihn nicht auf. Von Frank Jansen

Es ist ungewöhnlich, dass Orazio Giamblanco im Bett liegt, wenn er Besucher erwartet. Trotz seiner schweren Behinderung hat sich der Italiener mit Hilfe seiner Lebenspartnerin Angelica immer bemüht, in der Wohnung korrekt gekleidet und frisiert einen der seltenen Gäste zu empfangen. Doch vergangenen Montag klappt das nicht mehr. Orazio ist noch im Bett mit den orthopädischen Haltegriffen.

Die Augen sind halb geschlossen, er murmelt, „nicht geschlafen… habe geweint“. Angelica sagt, Orazio habe in der Nacht nach seiner Mutter gerufen. Er habe gesagt, er wolle nicht mehr leben, es sei für ihn vorbei. Aber die zierliche Frau gibt Orazio nicht auf. Nach einer halben Stunde hat sie den alten Mann doch aus dem Bett bugsiert. Sie fährt Orazio im Rollstuhl in die Küche. Da sitzt er halb eingesunken, lächelt matt den Besucher an. Und spricht vom Sterben.

Die jährliche Fahrt nach Bielefeld zu Orazio Giamblanco, dem heute 80 Jahre alten Opfer rechtsextremer Gewalt, ist diesmal noch bedrückender als sonst. Orazio, längst ein Freund und nicht nur Protagonist einer Langzeitrecherche, leidet wieder an einem depressiven Schub.

Seit Mitte November und offenbar härter als in der langen Leidenszeit bisher. 25 Jahre hat Orazio durchgehalten, nach dem Angriff eines Skinheads im brandenburgischen Trebbin, nach dem Schlag mit der Baseballkeule gegen den Kopf. Durchgehalten mit spastischer Lähmung, Sprachstörung, Kopfschmerzen, Magenproblemen und ständiger Abfolge weiterer Beschwerden, physisch und psychisch.

Doch jetzt wirkt Orazio endgültig zermürbt. Ohne Aussicht auf Besserung, auf weniger Schmerzen, auf ein Leben ohne Rollstuhl und ohne die Angst, der nächste Aufenthalt im Krankenhaus sei nur eine Frage der Zeit. In diesem Jahr lag er viermal in einer Klinik, zweimal wegen einer Lungenentzündung, zweimal wegen der Probleme mit dem Magen. Das Leid wird ihm zu viel.

Am 30. September 1996 wurde Giamblanco überfallen

Orazio Giamblanco ist ein Beispiel für das Elend, das der Rechtsextremismus Jahr für Jahr verschuldet. Am Abend des 30. September 1996 überfielen der Kahlkopf Jan W. und ein Kumpan aus rassistischem Hass den Mann aus Sizilien und zwei weitere Italiener.

Die drei waren als Hilfsbauarbeiter in Trebbin. Orazio überlebte nur knapp in zwei Notoperationen. Doch das Wort Leben hatte für ihn nie wieder den Klang wie vor der Tat. Als ich für den Tagesspiegel Orazio das erste Mal besuchte, im April 1997 in der neurologischen Klinik „Lindenbrunn“ im niedersächsischen Coppenbrügge, sagte ein Arzt, eine Genesung sei „extremst unwahrscheinlich“. Der Mann hatte recht.

Das bedeutet: ein Vierteljahrhundert Qualen ohne Ende. Wie hält ein Mensch das aus? Wie kann er es ertragen, dass sein Leben ruiniert ist ohne jede eigene Schuld, ohne den Täter gekannt zu haben, ohne irgendeinen Anlass für den Hass gegeben zu haben, der die Baseballkeule lenkte, die auf den Kopf prallte?

Beim ersten Treffen mit Orazio und Angelica, damals in Coppenbrügge, habe ich mir als Journalist bereits solche Fragen gestellt. Und ich habe beschlossen, Orazio und seine Lebenspartnerin Angelica Stavropolou und deren Tochter Efthimia Berdes, genannt Efi, zu begleiten, so lange es geht.

Um anhand ihrer Schicksale den Leserinnen und Lesern des Tagesspiegels Jahr für Jahr einen Blick in das „Leben“ zu geben, in dem ein schwer behindertes Opfer rechtsextremer Gewalt und die Angehörigen gefangen sind. Auch lange nach den Schlagzeilen, wenn die Tragödie kaum noch jemanden interessiert. Doch jede rassistische Gewalttat ist und bleibt ein Riss in der Demokratie. Und die Bundesrepublik hat mutmaßlich mehr Risse, als ihr bewusst ist.

Seit der Wende: 10.000 Menschen von Nazis attackiert

Allein seit der Wiedervereinigung haben Neonazis und andere Rechte nach den oft lückenhaften Statistiken der Polizei weit mehr als 10.000 Menschen körperlich attackiert. Wie viele Opfer bleibende Schäden erlitten, weiß niemand. An dieser Stelle sei nicht verschwiegen, dass auch andere Extremisten Menschen schwere Verletzungen zufügen. Die Bilanz seit 1990 zeigt allerdings, dass von rechtsextremistisch motivierter Gewalt die größte Gefahr ausgeht.

Die zehn Morde des NSU und die neun Todesopfer des rassistischen Anschlags vom Februar 2020 in Hanau sind die grausigsten Fälle. Nach Recherchen des Tagesspiegels starben seit der Wiedervereinigung mindestens 187 Menschen bei rechten Angriffen. Der scheidende Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) warnt seit Jahren, das größte Risiko für die innere Sicherheit sei der Rechtsextremismus.

Jedes Jahr ist furchtbar. Und doch immer auch anders

Orazio Giamblanco, seine Lebensgefährtin Angelica Stavropolou (rechts) deren Tochter Efthimia Berdes. Foto: Frank Jansen

Was das im Einzelfall bedeutet, lässt sich oft nur ahnen. Bei Orazio Giamblanco hingegen ist es offensichtlich. Seit 25 Jahren. Jedes Jahr ist furchtbar, und doch immer auch anders. Mit Rückschlägen, Lichtblicken. Mit menschlicher Zuwendung, mit bürokratischer Kälte.

Im September 1997 besuche ich Orazio wieder. Er liegt in einer Reha-Klinik im westfälischen Bad Oeynhausen. Orazio, jetzt etwas besser ansprechbar, macht sich Sorgen um Angelica und Efi. Die beiden Frauen, damals 46 und 23 Jahre alt, kümmern sich intensiv um Orazio. Angelica gab ihren Job auf, Efi verlor die Lehrstelle als Friseurin, weil der Chef kein Verständnis für Fehlzeiten hatte.

Nach dem Bericht im Tagesspiegel bieten Leserinnen und Leser an, für die drei zu spenden. So beginnt eine Hilfsaktion, die bis heute anhält. Vielen Menschen in Berlin, Brandenburg und auch außerhalb ist nicht gleichgültig, was Orazio und die Frauen durchmachen. Jedes Jahr wieder.

Orazio Giamblanco im Jahr 2015. Foto: Frank Jansen

Orazio Giamblanco im Jahr 2017. Foto: Frank Jansen

Wie geht es weiter? Orazios Hausarzt Giacinto Saccomanno sagt am Telefon, Orazio habe „stark abgebaut“. Die altersüblichen Beschwerden würden durch die schweren Schäden nach dem Schlag mit der Baseballkeule verstärkt. Saccomanno spricht von chronischer Bronchitis, von Herzschwäche, Arthrose. „Es ist ein Wunder, dass er 80 geworden ist“, sagt der Arzt. Das habe Orazio der „fantastischen Pflege der Frauen“ zu verdanken, „die sind so fürsorglich, so aufmerksam“.

Als ich mich am Montag verabschiede, liegt Orazio wieder im Bett. Er nimmt meine Hand und sagt mit kaum hörbarer Stimme „Dankeschön“. Dann dreht er den Kopf zur Seite. Angelica sagt halblaut, „wenn er jetzt schläft, schläft er die Nacht wieder nicht“. Aber sie lässt ihn in Ruhe. Und versucht, sich für ein, zwei Stunden zu entspannen.